Radetzkymarsch | Die ohrenbetäubende Stille, die den lauten Glanz übertönt

20. Januar 2026
Ein Kunstwerk von Andreas Kuhnlein mit dem Titel „Schein und Sein“.

Der Roman „Radetzkymarsch“ von Joseph Roth handelt von der Familie Trotta und deren Leben als Adlige des habsburgischen Reiches in der Zeit vor und bis zum Ersten Weltkrieg. Roth erkundet in seinem Buch die schwer nachvollziehbaren Umstände des Reiches zu Beginn des Krieges – und die rückständige Gesellschaft, die zu ihnen führte. Zentrales Thema der Erzählung ist ein Konflikt zwischen Schein und Sein.

Stell dir vor, dein Leben beginnt nicht mit dir – sondern mit einer Erzählung über dich. Genau so startet Joseph Roths Radetzkymarsch: Die Trottas existieren in einem Reich, in dem Geschichten wichtiger sein können als Tatsachen. Ein einzelner Moment (eine Rettungstat, ein kaiserlicher Blick, ein Eintrag in die Geschichte) wird zum Gründungsmythos. Und mit diesem Mythos kommt der Schein: Ehre, Rang, Pflicht, Uniform – eine Identität, die glänzt, weil sie gebraucht wird, um die hohle Wahrheit zu füllen.

Man kann Radetzkymarsch lesen wie ein historisches Panorama – oder wie eine Studie darüber, wie Gesellschaften sich selbst belügen, um weiterfunktionieren zu können. Der zentrale Motor dafür ist der Konflikt zwischen Schein und Sein. Schein ist hier nicht einfach „Fake“, sondern eine ganze Ordnung aus Symbolen und Sitten: Uniformen, Titel, Rituale, Moral, Heldenerzählungen. Sein ist die Wirklichkeit darunter: Zerfall, Angst, Schuld, Begehren, Krankheit – und das nagende Gefühl, dass das prächtige Reich, in dessen Kultur man aufwuchs und dessen Theaterauftritte man schon je her beklatschte, vielleicht doch mehr hoch ist als gross.

Im Unterricht haben wir diesen Gegensatz schön als zwei Pole gefasst:

Roth zeigt, wie diese beiden Ebenen sich gegenseitig vergiften. Der Schein stabilisiert das Reich – aber er erstickt auch Menschen. Und das Sein bricht als Wahrheit durch – aber es nimmt zugleich Trost und Orientierung. Die Trotta-Familie steht genau in dieser Spannung: Ein ruhmvoller Moment wird zur Identität, und Identität wird zur Pflicht. Baron Trotta verteidigt die Form, weil die Form Sicherheit verspricht. Carl Joseph trägt den Schein der Offiziersrolle, doch innerlich rutscht ihm der Boden weg – Alkohol und Eskapaden im Zivilleben wirken dann wie Notlösungen, um den Abgrund zusammenzunähen. Graf Chojnicki spricht aus, was alle wissen und niemand hören will: Wer den Schein zerstört, zwingt dazu, sich der Wahrheit zu stellen: Das Reich ist eine Farce. Und für diese Farce sterben Kameraden im Krieg und Freunde im Duell – getragen von starren Strukturen, denen man ein Leben lang folgte.


In diesem Blogartikel möchte ich eine Textstelle des Romans weiter ausführen, die dieses Motiv des Konfliktes zwischen Schein und Sein veranschaulicht. Sie befindet sich auf den Seiten 251 bis 253 – positionieren wir erst einmal kurz. Am nächsten Tag werden in der Garnisonsstadt „staatsgefährliche Umtriebe“ erwartet – die Arbeiter der örtlichen Borstenfabrik sind aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen am Streiken und wollen nun vor der Fabrik eine Demonstration abhalten. Trotta soll mit seinem Zug bereitstehen, um im Ernstfall einzuschreiten. Am Vormittag vor der Demonstration trinkt Trotta in einer nahegelegenen Dorfschenke Alkohol.

Trotta tritt ein, „klirrend und schrecklich gegürtet“ – Uniform, Gurt, Metall: Der Schein der Ordnung wird hörbar, bevor er überhaupt spricht. Und sofort erstarrt der Raum. „Alle Welt verstummte“: nicht, weil jemand es befiehlt, sondern weil die Arbeiter wollen, dass es still wird. Diese Stille ist kein Loch, sondern eine Ladung. Roth macht daraus fast ein physikalisches Feld: „Aus ihrem Schweigen strömte ein finsterer und lautloser Haß…“ – und er vergleicht es mit der „lautlosen, elektrischen Schwüle“ eines Gewitters, dessen Wolken zwar „unendlich schweigsam“ bleiben, das aber dennoch wirkt.

Das ist der entscheidende Punkt: Das Gewitter ist da, auch wenn es (noch) nicht knallt. So wie der Krieg im Roman schon im Hintergrund vorhanden ist, lange bevor er losbricht. Der Schein sagt: Ruhe, Stabilität, Frühsommer, Routine. Das Sein sagt: Spannung, Ladung, unausweichliche Entladung.

Als Trotta zurück zu seinem Zug geht, wird der Kontrast brutal: Hinter seinem Rücken liegt ein „massives Gebirge aus Stille“, doch vor ihm steht eine andere Stille – die „tote Schweigsamkeit“ seiner Soldaten bei der Vergatterung. Das ist Stille als Leere: Drill, Gehorsam, Funktion. Nichts strömt aus ihr. Und Roth setzt das in ein farbiges Bild: Trotta steht „überwölbt vom blauen Glanz des Frühsommertages“, „umschmettert von den Lerchen“, „umsirrt von den Grillen“, „mitten im Summen der Mücken“ – eine Welt, die klingt, lebt, glänzt. Das wäre der Schein: Schönheit, Natur, der Radetzkymarsch, der feierlich den Marsch der Armee begleitet. Aber Trotta hört lauter als alles andere die „tote Schweigsamkeit“. Und in genau diesem Übergewicht des Schweigens über den Glanz liegt seine Desillusionierung: „…die Gewissheit, dass er nicht hierhergehöre.“ Das Sein bricht durch.

Und dann kommt Roths bitterste Pointe: Sobald die Gewehre abgelegt sind – „Gewehr bei Fuß! Abtreten!“ – wird es wieder wie zuvor. Hinter den Gewehrpyramiden liegen die Soldaten, von den Feldern her tönt der Gesang der Bäuerinnen, und die Soldaten antworten „mit den gleichen Liedern“. Sobald der militärische Schein (das Gewehr, das Kommando, die Formation) verschwindet, taucht für einen Moment das Menschliche auf: gleiche Melodien, gleiche Stimmen, ein gemeinsamer Alltag. Genau deshalb ist diese Szene so stark: Sie zeigt, dass das System nicht nur Menschen unterdrückt, sondern sie auch entfremdet – und dass Trotta das zum ersten Mal wirklich hört.