Weisst du noch, was du heute zum Frühstück gegessen hast? Wahrscheinlich – in meinem Fall: Brunch zum Ostersonntag. Und vor vier Tagen? Das ist schon deutlich schwieriger ... es war Mittwoch. Der zweitletzte Schultag, in der Jubiläumswoche. Klassenfrühstück. Nein, das war am Donnerstag. Was geschah am Mittwoch? Es fanden Jubiläumsevents statt. Ich verpasste einen Teil von Giacomos Präsentation zu Wasserstoffgeneratoren ... ich verschlief? Ass ich Joghurt? Brot? Kaufte ich etwas auf dem Weg zur Schule? ... Ich erinnere mich nicht. Vielleicht ist Frühstück schlicht zu banal?
Na gut. An das Frühstück erinnere ich mich nicht mehr. Aber mein Gedächtnis kann ja wohl nicht so schlecht sein! Woran erinnere ich mich sonst? Giacomos Präsentation fand in einem Chemieraum statt. Am Ende des WR-Flurs rechts, erstes Stockwerk. Ich denke, es war die Nummer 111. Rechts der Türe befindet sich ein Waschbecken. Links stehen Einzelpulte, reihenweise erhoben angeordnet. Ich sass in der dritten Reihe, gerade links der Mitte. Links neben der Tafel, hinter dem Stehpult, auf dem der Beamer steht, lehnt sich Haohua an. Das Pult steht schräg dem zentralen Tisch gegenüber; auf ihm sind Experimentutensilien versträut. Giacomo erklärt die Funktionsweise seines Wasserstoffgenerators. Mit der linken prüft er die Dichte des Containers, mit der rechten gestikuliert er, um seiner etwas unbeholfenen Erläuterung mehr Gewicht zu verleihen.
Mit jedem Wort, das ich schreibe, tauchen mehr Details der Szene wie aus einem trüben, unfassbaren See in meinem Geiste auf. Banale Details sind es, wie das Frühstück. Warum kann ich dann das Gefühl des unebenen, diagonalen Kratzers auf dem Pult so leicht heraufbeschwören? Warum scheint mir mein gepolsterter Bürostuhl plötzlich so tief und klapprig, wenn ich an dieses Klassenzimmer denke und an dessen hölzerne Klappsitze, die immer ein wenig zu tief liegen und deren Halterung immer etwas lose ist? Warum scheint mir die Orientierung der Dinge im Raum so offensichtlich, während ich den Inhalt der Präsentation, auf den ich mich eigentlich konzentrierte, schon lange vergessen habe?
Dieser kleine Selbstversuch zeigt bereits, dass Erinnerung nicht gleich Erinnerung ist: Das Gehirn speichert manche Arten von Information deutlich zuverlässiger als andere. Die Hintergründe dieses Sachverhalts sind in der Evolution zu finden; in die Neuropsychologie will ich in diesem Blog jedoch nicht abtauchen. Wir wollen uns stattdessen damit beschäftigen, wie sich die Funktionsweise des Gehirns zunutze gemacht werden kann.
Erinnerung funktioniert wie ein unglaublich komplexes Gewebe aus Assoziationen. Zupft man an einem Knoten, werden auch durch Assoziationsstränge verknüpfte Nachbarknoten in Bewegung versetzt. Der Klappsitz erinnert mich nicht nur an das Pult und das links liegende Fenster, sondern auch an Schüler, die vor Lektionsbeginn hektisch Chemieaufgaben von ihren Kollegen abschreiben, für den Fall, dass Herr Edler (mein ehemaliger Chemielehrer) sie aufruft – und an dessen nahezu bösartiges Lachen, wenn er es tut.
Diese assoziative Funktionsweise der Erinnerung kann sich mithilfe sogenannter Mnemotechniken (engl. mnemonics) zunutze gemacht werden. Die wichtigste Methode ist die Loci-Technik (auch bekannt als memory palace, roman room, journey, method of loci): Sie basiert auf absichtlich konstruierten Assoziationen zwischen einer zu memorierenden Information und an einem räumlichen Weg angeordneten Orten (lat. loci). Folgt man dann geistig dem Weg, stösst man auf die Orte, und die Assoziation fungiert als Verweis auf die Information. So können Erinnerungen mithilfe der exzellenten Raumerinnerung eines Menschen "indexiert" werden. Die Assoziationen werden so einprägsam wie nur möglich konstruiert; je bildlicher, lebendiger, emotionsgefüllter, widerlicher, erotischer und absurder eine Vorstellung ist, desto unwiderruflicher bleibt sie mit dem Ort in Verbindung.
Doch Mnemotechnik ist nicht nur ein Werkzeug für Prüfungsstoff oder Alltagswissen. Sie wirft auch die unbequemere Frage auf, was überhaupt erinnerungswürdig ist – und ob es Dinge gibt, die man gerade nicht vergessen darf.
Es gibt viele Dinge, die es wert sind, sich an sie zu erinnern. Fast alle, wenn du mich fragst. René Descartes sagte schon vor Jahrhunderten: "Ich denke, also bin ich". Für mich folgt logisch: "Ich erinnere mich, also war ich". Andere sehen das jedoch anders. Es sei nicht gesund, die Ereignisse – sowohl gute als auch schlechte – eines ganzen Lebens mit sich im Kopf zu tragen. Das Vergessen befreie von den vielen Dingen, die sonst auf dem Geist lasten würden. Die Lektüre Die Nacht, geschrieben vom Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel, verleiht dem Argument einiges Gewicht.

Franek der Vorarbeiter, bemerkte eines Tages, dass ich eine Goldkrone im Mund hatte: "Kleiner, gib mir deine Krone." [...] Mein Vater hatte nie Militärdienst geleistet, und es gelang ihm nicht, im Schritt zu marschieren. [...] Dies war eine Gelegenheit für Franek, ihn zu quälen und ihn jeden Tag grausam zu verprügeln. [...] Ich beschloss, meinem Vater Unterricht zu geben, ihm beizubringen, den Schritt zu wechseln, den Rhythmus einzuhalten. (1)
Mein Vater marschiert unbeholfen in der Dusche [21]. Seine Kleidung ist durchnässt, Wasser rinnt ihm das erschöpfte Gesicht hinab. Er weigert sich, ein Hörgerät in Betracht zu ziehen – sein Versuch, im Rhythmus zu bleiben, hat also bescheidenen Erfolg. Eine abgemagerte Version meiner Selbst zählt schreiend im Takt, um seiner annähernden Taubheit entgegenzuwirken.
"Ich wusste es, ich wusste es genau, Kleiner, dass ich mit dir fertigwerde. Und weil du mich hast warten lassen, wird dich das auch noch eine Brotration kosten. Eine Brotration für einen Kameraden, einen berühmten Warschauer Zahnarzt. Damit er dir deine Krone herauszieht." [...] Am selben Abend brach mir der Warschauer Zahnarzt im Waschraum meine Krone mit Hilfe eines rostigen Löffels heraus. (2)
Ich sehe mich in einem heruntergekommenen Waschraum. Die Wände sind gewölbt, Kreisstrukturen aus Glas sind in ihnen eingebettet [22, Vase]. Ein Arzt mit blutverschmiertem blauem Kittel und widerwärtigem, leichenhaftem Körpergeruch setzt mit einem rostigen Löffel als Pickel an meiner Goldkrone an und schlägt sie heraus. Währenddessen verschlingt er ein Stück Brot wie ein Biest.
[...] Idek wollte nicht nichts davon hören, dass man im Lager blieb. Wir mussten ins Depot gehen. [...] Wir wussten nicht, was wir machen sollten. [...] jeder schlenderte für sich durchs Depot [...]. Als ich hinten im Gebäude angekommen war, hörte ich plötzlich ein Geräusch, das aus einem kleinen benachbarten Raum kam. Ich trat näher und sah Idek und eine junge Polin halb nackt auf einem Strohsack. Da verstand ich, warum Idek es abgelehnt hatte, uns im Lager zu lassen. Hundert Gefangene in Bewegung zu setzen, um mit einem Mädchen zu schlafen! Das kam mir so komisch vor, dass ich in Lachen ausbrach. (3)
Ein kleiner Junge schlendert über den Marmor. Er hört das Gluckern des Abflusses und schaut das Waschbecken hinab [rechts von 22]. Dort sieht er einen "idiot bird" (secretary bird; Idek) und eine junge Frau, deren Aktivitäten ich hier nicht näher beschreiben möchte.
"Wart's ab mein Kleiner ... Du wirst sehen, was es kostet, seine Arbeit zu verlassen [...]." [...] "A-7713!" [...] "Eine Kiste!" [...] "Leg dich darauf!" [...] Dann spürte ich nur noch Peitschenhiebe. [...] "Vierundzwanzig ... fünfundzwanzig!" (4)
Die Wandleuchte [23] scheint wie ein Rampenlicht auf die Szene herab: Der Junge liegt mit dem Bauch auf einer Holzkiste. Sein Rücken ist mit blutigen Riemen bedeckt und er schreit qualvoll, als ein weiterer Hieb ihn trifft. Zaphod Beeblebrox (Repräsentation der Zahl 25) jubelt und klatscht mit einem Kopf und zwei Armen, während er sein Bier mit dem dritten in seinen zweiten Kopf schüttet.
Während des Lesens erstellte ich einen Loci-Pfad, um die Geschehnisse der Erzählung besser auf Abruf zu erhalten. Um diese geistige Struktur zu festigen, ist vorgesehen, dass man sie nach dem Spaced-Repetition-Prinzip mehrfach in immer weiteren Abständen wiederholt. Dass ich die erste Wiederholung prompt um eine Woche aufschob, ist wohl ein gutes Anzeichen dafür, dass das Gehirn gerne Unangenehmes verdrängt, statt sich dessen zu stellen. Die Loci-Technik (und ein wenig Disziplin) lässt das jedoch nicht zu: Ich denke wirklich nicht gerne an die Handlung des Textes, dennoch kann ich sie immer noch, nahezu Abschnitt für Abschnitt, rekonstruieren.
Die Nacht ist in keiner Hinsicht ein schöner Text. Das Geschilderte benötigt kaum Hyperbeln, um die Erinnerungskriterien mittels Absurdität und Horror zu übertreffen. Es ist wahrscheinlich die dunkelste und beunruhigendste der vielen phantastischen Geschichten, die ich gelesen habe. Sie ist nicht phantastisch. Sie stammt aus der Realität. Ist es nicht gerade deshalb so wichtig, sich an sie zu erinnern? Sich nicht mit Erinnerungen an gewisse Ereignisse belasten zu wollen, scheint zunächst wie harmloser Selbstschutz, doch es ist nicht der richtige Ansatz, solche Lasten zu bewältigen – nur ein Akt davon, Unangenehmes unter den Teppich zu wischen und durch das schiere Ignorieren zu entkräften.
Vergessen kann entlasten. Aber nicht alles, was belastet, darf deshalb vergessen werden. Dass ich nicht mehr weiss, was ich vor vier Tagen zum Frühstück gegessen habe, ist belanglos. Dass wir Zeugnisse menschlicher Grausamkeit vergessen – oder uns gar erlauben sie zu leugnen – ist es nicht.
Die Nacht von Elie Wiesel, S.90.
ebd. S.91.
ebd. S.92.
ebd. S.93.