2016 wird in der NZZ ein Artikel mit dem Titel Himmelsstürmer publiziert. Im Lead nimmt der Literaturkritiker und Philosoph Roman Bucheli eine interessante Position ein:
«Jede Grenze provoziert den Versuch, sie niederzureissen oder zu überwinden. Gerade darum sollte sie nicht abgeschafft werden. Sie sind eigentliche Motoren der Entwicklung.»
— Roman Bucheli
Buchelis Aussage ist kontrovers: Gerade Kindern räumen Eltern oft so viele Grenzen wie nur möglich aus dem Weg, damit sie im Leben Erfolg haben können. Wie könnte das schaden? Ich denke, in der Aussage steckt ein Kern Wahrheit; pauschal kann ich sie jedoch nicht annehmen. In diesem Essay möchte ich argumentieren, dass Grenzen anstossend sein können – im richtigen Mass und in der richtigen Art.
Es spricht einiges für Buchelis Position. Historisch geschahen die grössten wissenschaftlichen Fortschritte oft dann, wenn der Mensch eine «Grenze» oder – allgemeiner – Schwierigkeiten überwinden musste. Der Krieg ist ein gutes Beispiel: Staaten investieren Milliarden in Forschung; eine ganze Nation versucht verzweifelt, sich jeden Vorteil zu sichern. Die enormen Fortschritte in Kommunikationstechnologie, Luftfahrt sowie Stahl- und Chemieindustrie im Zweiten Weltkrieg sind dafür exemplarisch. Auch der Computer wurde in seinem frühen Entwicklungsschub wesentlich durch militärische Bedürfnisse vorangetrieben. Ein anderes Beispiel ist Neil Armstrongs Mondlandung: Amerika und die Sowjetunion sahen eine Grenze und wetteiferten miteinander, um die Ersten zu sein, die sie durchbrachen. Grosse technische Fortschritte waren nötig, um diesen buchstäblichen «Sturm in den Himmel» zu bewältigen. Im Englischen gibt es einen Ausdruck, der dieses Verhältnis beschreibt: «Adversity breeds ingenuity».
Weiter wird Bucheli auch von der Psychologie des Lernens unterstützt. Die Wissenschaft hat gezeigt, dass sogenannte «desirable difficulties» den Lernerfolg deutlich verbessern können. Der Psychologe Peter C. Brown berichtet darüber in seinem Buch Make It Stick: The Science of Successful Learning. Eine Studie zeigte beispielsweise, dass sich eine Testgruppe, die einen Text leicht unscharf las, besser daran erinnern konnte als eine Gruppe, deren Texte scharf dargestellt waren. Ausserdem ist Wiederholung des Gelernten umso effektiver, je herausfordernder die Wiederholungsmethode ist: Einen Text schlicht noch einmal zu lesen, ist erstaunlich ineffektiv; den Inhalt einer anderen Person zu erklären, ihn in eigenen Worten zu formulieren oder eine Probe darüber zu schreiben, hat deutlich mehr Erfolg. Wenn unser Gehirn gezwungen wird, Herausforderungen zu bewältigen – Grenzen zu überwinden –, lernen wir besser.
Auch die Statistik zeigt, wie Schwierigkeiten positive Auswirkungen haben können: Eine Grafik, die den Zusammenhang zwischen Lernerfolg und Wohlstand von Kindern aufzeigt, erzählt eine interessante Geschichte. Kinder aus der finanziellen Unterschicht schneiden am schlechtesten ab, jene aus der Oberschicht besser – am erfolgreichsten sind jedoch Kinder aus einem finanziellen «Sweet Spot» in der Mitte. Im Gegensatz zu Unterschichtskindern haben sie Zugang zu Ressourcen, die starkes Lernen ermöglichen: gute Schulbildung, Tutorinnen und Tutoren, Lehrmittel und Zeit. Dennoch haben sie Grenzen: Ihre Eltern können nicht alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumen; sie sind – im Gegensatz zu Oberschichtskindern – gezwungen, Hürden zu überwinden und aus Fehlern zu lernen. So üben sie sich darin, hartnäckig zu sein und nicht leicht aufzugeben.
Schwierigkeiten und Grenzen können also klare Vorteile haben – sowohl psychologisch als auch motivational. Mit Buchelis Aussage kann ich mich dennoch nicht ganz anfreunden. Sie erzählt nicht die ganze Geschichte und kann so pauschal nicht angewendet werden. Bucheli sagt, Grenzen seien hilfreich, weil sie durch die Provokation, sie zu brechen, Entwicklung antreiben – wie es etwa bei der Mondfahrt der Fall war. Das gilt jedoch nur für eine bestimmte Art Mensch: Extremsportlerinnen und Extremsportler auf Rekordjagd oder Videospiel-Speedrunner, die sich über jede Millisekunde freuen, die sie von ihrer Bestzeit abschaben können. Grenzen können aber auch gegenteilige Auswirkungen haben. Nur wer Grenzen nicht als Limiten, sondern als Herausforderungen sieht, wird profitieren. Das ist ein romantisches Bild der Menschheit – aber nicht unbedingt ein realistisches. Viele Menschen geben schlicht auf und suchen nach einem einfacheren Weg, wenn sie auf Grenzen stossen; Psychologinnen und Psychologen nennen das das «Law of Least Effort». Nicht alle Grenzen sind «desirable». Extreme Armut ist nicht im Geringsten hilfreich für den Erfolg eines Kindes. Menschen, die blind sind, haben zudem erhebliche Schwierigkeiten beim Lesen – sie profitieren nicht davon. Mit der Erfindung der Brailleschrift wurde die Grenze der Blindheit in genialer Weise teilweise überwunden: Blinde Menschen können seither durch den Tastsinn, wenn auch langsam, lesen. Die Grenze selbst – Blindheit – wurde jedoch eher umgangen. Könnte sie abgeschafft werden, sollte das auf jeden Fall geschehen.
Obwohl in der Geschichte viele Vorteile durch das Vorhandensein von Herausforderungen erlangt worden sind, sind nicht alle Grenzen und Schwierigkeiten wünschenswert. Damit Grenzen einen positiven Einfluss auf persönliche oder gesellschaftliche Entwicklung haben, müssen (1) die Mittel gegeben sein, sie mit genügend Anstrengung zu überwinden, (2) die Motivation bestehen, diesen Aufwand auch zu erbringen (wie etwa politische Agenden bei der Mondfahrt), und (3) die Überwindung der Grenze überhaupt einen Vorteil mit sich bringen. Grenzen, die diese Kriterien nicht erfüllen, sollten nach Möglichkeit aus dem Weg geräumt werden.